Morbus Crohn: Brennen auf Besserung

Allein in Deutschland sind etwa 350.000 Menschen von chronisch-entzündlichen Darmkrankheiten betroffen. Schübe mit starken Bauchschmerzen, heftigen Durchfällen und Fieber gehören speziell zum Leiden der Morbus Crohn-Patienten. Bei ihnen stehen quasi einzelne Abschnitte des Magen-Darm-Trakts in Flammen. Das Krankheitsbild tritt meist im frühen Erwachsenenalter zum ersten Mal auf.

Kein friedliches nebeneinander

Bei Morbus Crohn ist das friedlichen Nebeneinanders der Darmwand mit den dort angesiedelten 100 Billionen Bakterien gestört. Experten sehen als Grund vor allem genetische Faktoren. Hinzu kommen Umwelteinflüsse wie übermäßige Hygiene, Rauchen, Antibiotika oder ein Leben in der Großstadt. Hingegen scheint das Stillen sowie das Leben in ländlicher Umgebung einen gewissen Schutz zu bieten.

An den Vorgängen der Immunabwehr beteiligen sich mehrere Spezies: Stammesgeschichtlich „alte“ Fresszellen eliminieren unspezifisch alles, was möglicherweise gefährlich sein könnte. Und die „modernen“ Vertreter, dazu gehören T-Zellen, binden hoch selektiv an schädliche Bakterien oder Viren, die anhand von Oberflächenstrukturen erkannt werden.

Während Mastzellen normalerweise bakterielle Eindringlinge abwehren, existieren sie in der Darmbarriere friedlich nebeneinander. Einerseits verhindern sie den Eintritt der Mikroben in den Körper, andererseits lassen sie die Mitbewohner im Darm ungeschoren davonkommen. „Würden sich die Mastzellen im Darm genauso verhalten wie im restlichen Körper, nämlich sofort mit Immunabwehr zu reagieren, dann wäre das fatal“, so Prof. Dr. Stefan C. Bischoff von der Universität Hohenheim. Ein Forschungsprojekt soll jetzt den Mechanismen der friedlichen Koexistenz auf die Spur kommen.

Gelangen aber Darmbakterien durch die dünne Schleimhaut, so treten die Mastzellen in Aktion. Sie unterbinden das Eindringen der Darmbewohner in den Körper. Wandern zu viele Darmbakterien in den Blutkreislauf, greifen die T-Zellen ein und verhindern größeren Schaden.


T-Zellen auf der Schulbank

T-Zellen entstehen im Knochenmark und drücken anschließend im Thymus quasi die Schulbank. Sie erhalten ihr Immungedächtnis, indem sie eine individuelle Bindungsstelle aufgedrückt bekommen. Mit diesem Wissen können die Zellen später den passenden Krankheitserreger  erkennen, sollte es zu einer Infektion kommen.

Mitunter entstehen aber Spezies, die sich gegen körpereigene Strukturen richten. „Ist dies der Fall, werden die potenziell schädlichen T-Zellen meist noch im Thymus unschädlich gemacht“, weiß Prof. Ludger Klein von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dazu präsentiert das Organ den Zellen ein Spiegelbild aller körpereigenen Eiweiß-Moleküle. T-Zellen, die auf diese Strukturen reagieren, geht es an den Kragen. Ludger Klein: „Entweder werden sie in den programmierten Zelltod getrieben oder zu regulatorischen T-Zellen umerzogen“. Letztere unterdrücken das Immunsystem. Entkommen T-Zellen dieser Kontrolle oder versagt der Mechanismus, entwickeln sich Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn, Diabetes Typ 1, rheumatoider Arthritis oder multipler Sklerose.


Mit vereinten Kräften gegen die Entzündung

Die Behandlung von Morbus Crohn-Patienten hat vor allem Entzündungsprozesse im Visier. Begonnen wird nach den Leitlinien mit Glucocorticoiden, etwa Budesonid oder Prednisolon. Auch andere entzündungshemmende Pharmaka kommen zum Zuge, also Sulfasalazin oder Mesalazin. Stellt sich der Therapieerfolg nicht ein, greifen Fachärzte auf Immunsuppressiva wie Azathioprin, Tacrolimus oder Ciclosporin zurück. Jedoch führt die Dämpfung des Immunsystems bei „echten“ Infekten zwangsläufig zu Problemen.

Vor allem bei Komplikationen sind chirurgische Eingriffe nicht zu umgehen. Dabei entfernen Chirurgen ein mehr oder minder großer Teil des Darms. Mögliche Indikationen sind eine mechanische Blockade sowie Perforation, Fisteln, Abszesse oder Blutungen. Gerade bei entzündlichen Fisteln helfen im Frühstadium oft die Antibiotika Metronidazol oder Ciprofloxacin.


Gutes Eiweiß – böses Eiweiß

Bereits vor vielen Jahren erkannten Forscher die entscheidende Bedeutung des Tumornekrosefaktors (TNF) alpha: Das Protein ist die Drehscheibe bei Entzündungsprozessen. Eine Blockade mit monoklonalen Antikörpern führt rasch zu einer Besserung der Symptome. Mittlerweile stehen zur Therapie Infliximab und Adalimumab, Eiweiße mit selektiven Bindungsstellen, zur Verfügung. Sie dämmen die körpereigene Entzündungsreaktion rasch ein und verschaffen den Geplagten längere Pausen zwischen zwei Schüben. Auch Kombinationen sind im Fokus des Interesses: Eine internationale Vergleichsstudie konnte Mitte 2010 erstmals die therapeutische Überlegenheit des Antikörpers Infliximab zusammen mit dem Immunsuppressivum Azathioprin gegenüber der Monotherapie belegen. Umstritten ist bei Fachärzten allerdings die sogenannte Top-down-Strategie, also der frühe Einsatz der Antikörper. Befürworter argumentieren mit der raschen Beschwerdefreiheit, Gegner führen vor allem die Nebenwirkungen durch die Übertherapie an.


Speis und Trank

Neben der Arzneimitteltherapie muss bei Morbus Crohn-Patienten immer die Ernährungssituation betrachtet werden. Durch verminderten Appetit, schlechte Aufnahme von Nährstoffen oder Durchfall kommt es schnell zum Verlust an Elektrolyten bzw. zu einem Mangel an Vitaminen oder an Eiweiß. Bei akuten Schüben kann sogar zeitweilig eine künstliche Ernährung angezeigt sein.

Probiotika können helfen, um den Entzündungsprozess im Darm in Schach zu halten, so das Ergebnis mehrerer Studien. Jetzt hat ein Forscherteam der Technischen Universität München zusammen mit anderen Partnern den Mechanismus aufgeklärt: Lactobacillus casei, in zahlreichen Joghurt-Drinks vorhanden, hemmt in der Darmschleimhaut die Bildung des Entzündungsproteins IP-10. „Auf der Grundlage dieser spezifischen Wirkmechanismen eines probiotischen Bakteriums sind wir jetzt in der Lage, die schützenden Komponenten von L. casei zu identifizieren und zu charakterisieren“, so Prof. Dr. Dirk Haller.

Aber auch Heidelbeeren bergen therapeutisches Potenzial. Viele Patienten fühlen sich nach dem Verzehr der blauvioletten Früchte deutlich besser. Zumindest im Laborversuch hemmt der darin enthaltene Pflanzenfarbstoff das Enzym Lipoxygenase, ein wichtiger Akteur bei Entzündungsprozessen. In der Humanmedizin konnte die Hypothese aber noch nicht bewiesen werden.

Am Universitätsklinikum Heidelberg erproben Forscher ein neues Therapiekonzept mit phosphorhaltigen Lipiden. „Bei den meisten Patienten mit Colitis ulcerosa gibt es zu wenige dieser Fette in der Schleimschicht des Darms. Sie wird daher durchlässig für Bakterien und die Darmwand entzündet sich", so Prof. Dr. Robert Ehehalt. Inwieweit sich mit dieser Methode auch bei Morbus Crohn die Schutzschicht stärken lässt, muss noch untersucht werden. Bei anderen Fetten zerschlug sich die Hoffnung: Fischölpräparate und die in ihnen enthaltenen Omega-3-Fettsäuren nehmen keinen günstigen Einfluss auf die chronische Entzündung, so das Ergebnis zweier großer Untersuchungen.

 

Wenn der Wurm drin ist

Einen ganz anderen Weg ging ein Forscherteam der Universität Iowa. Sie beobachteten, dass Menschen in Entwicklungsländern seltener an Morbus Crohn erkranken. Die Wissenschaftler führen das unter anderem auf die Eier verschiedener Peitschenwürmer zurück, die über das Essen, das Wasser oder kontaminierte Toiletten übertragen werden. In einer Studie behandelten die Mediziner Crohn-Patienten mehrfach mit Eiern des Schweinepeitschenwurms. Nach 24 Wochen war bei den meisten eine deutliche Besserung zu beobachten, etliche waren symptomfrei. Die Forscher vermuten, dass die Darmwürmer die Immunantwort unterdrücken und so die Entzündung im Zaum halten. PD Dr. Georg von Boyen vom Universitätsklinikum Ulm: „Dadurch werden die fehlgeleiteten Abwehrreaktionen, die die entzündlichen Darmreaktionen hervorrufen, gesenkt“. Doch keine Sorge: Beim Menschen sind die Würmer selbst nicht pathogen – sie werden durch die Verdauung sukzessive ausgeschieden.


Quelle: DocCheck